Abi 86 Gymnasium Neckargemünd

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Stand:26.05.2006

Garfield mit TorteIm folgenden könnt Ihr hier den Brief lesen, den uns Herr Linier, Rektor des Gymnasiums Neckargemünd, anläßlich des 20jahrigen Abiturjubiläums des Jahrgangs 1986 im April schrieb:

 

 

Das Gymnasium Neckargemünd 20 Jahre nach Ihrem Abitur - Eine kurze Bilanz des Schulleiters

Liebe Ehemaligen des Abiturjahrgangs 1986,

Gerne habe ich mich bereit erklärt, den ehemaligen Abiturienten des Jahres 1986 ein paar Eindrücke von der gegenwärtigen Situation ihrer alten Schule zu mitzuteilen.

Aus einem Fragekatalog Ihres Mitschülers Holger Thons entnehme ich, dass im Fokus des Interesses der Veränderungsprozess der Schulen und der Schülerpopulation allgemein und des Gymnasiums Neckargemünd im Besonderen liegt.

Ich bin seit 1996 am Gymnasium Neckargemünd und kann die letzten 10 Jahre bewerten, wobei ich keine Gewähr für Vollständigkeit und Detailgenauigkeit übernehme.

Das Abitur haben Sie schon nach dem neuen Modus (NGO) abgelegt. Diese Organisationsform der Oberstufe in Kursen wurde in wichtigen Punkten beibehalten, die Klassenverband ist nach wie vor aufgehoben, allerdings hat man im Jahr 2004 einige Reformen eingeführt: Um eine zu starke Spezialisierung in den Leistungskursen zu verhindern, hat man die Wahlfreiheit insoweit eingeschränkt, als alle Schüler wieder zumindest Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache als Abiturfach belegen müssen. Theoretisch könnte man also von einer „Teilbelebung des Klassenverbandes“ sprechen. Dies ist aber wirklich nur eine Belebung in Teilen, die sehr unterschiedlich gehandhabt wird. Grund- und Leistungskurse gibt es seitdem auch nicht mehr. Heute spricht man sinnigerweise von zweistündigen Fächern, von Profil- und von Neigungsfächern (vierstündig), die je nach Wahl auch doppelt gezählt werden können (wie ehedem die Leistungskurse). Auch Naturwissenschaften sind in der Oberstufe nach der Reform der Reform stärker vertreten. In der Regel muss man zwei belegen. Was ganz neu ist, ist das so genannte Seminarfach, das in 12/1 und 12/2 belegt werden kann. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hier auf dem Methodentraining. Schüler recherchieren selbständig, präsentieren ihre Ergebnisse und stellen sich einem Kolloquium. Damit kann man sich auch unter bestimmten Bedingungen mündliche Prüfungsteile ersparen. Es werden weniger Klausuren geschrieben als zu ihrer Zeit, dafür müssen die Schüler in 3 Fächern „besondere Leistungen“ erbringen. Das sind Präsentation, Experimentalvorträge usw.
In der Oberstufe werden „grafikfähige Taschenrechner“ zum Rechnen eingesetzt. Die jungen Leute sollen nicht wertvolle Zeit mit langweiligen Rechnungen verschwenden, sondern vielmehr auch mathematische Probleme reflektieren. Das wird demnächst bis zur Unterstufe ausgeweitet.
Insgesamt ist das System für die Schulverwaltung noch etwas komplizierter geworden.

Was hat sich sonst noch geändert.
Im Halbjahr gibt es keine Zeugnisse mehr, sondern nur noch Halbjahresinformationen, auch „Kontoauszug“ genannt. Damit wird den „Saisonarbeitern“, jenen also, die erst im 2. Halbjahr zu arbeiten anfangen, das Leben schwer gemacht.
Seit dem letzten Schuljahr schreiben die Schüler nur noch 4 Arbeiten im Jahr. Dafür sollen sie im methodischen Bereich besser ausgebildet werden und vor allem auch das Präsentieren lernen. Jeder Schüler ab Klasse 7 muss pro Jahr in einem Fach seiner Wahl eine so genannte „GFS“ (gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen) ablegen.

Im Jahr 2004 begann mit G8 ein großes Reformprogramm in der Bildungspolitik. Die Schulen sind aufgefordert, die damit verbundenen höheren Wochenstundenzahlen phantasievoll abzufedern. Wohl dem der die personellen und sachlichen Ressourcen dafür hat. Besonders wichtig ist hier vor allem die Möglichkeit, Freistunden sinnvoll zu verbringen und ein Mittagessen anbieten zu können. Kooperation mit außerschulischen Institutionen, ein stärkeres Angebot an phantasievollen Arbeitsgemeinschaften, Hausaufgabenbetreuung und diverse Organisationsformen des selbstorganisierenden Lernens (SOL) sind hier gefragt. Der Weg in irgendeine Form der Ganztagsschule ist wohl nicht aufzuhalten. Auch das Gymnasium Neckargemünd hat sich dafür entschieden.

Eine gewisse Verlegenheit erzeugt bei mir die Frage, wie Schüler und Lehrer „heute ticken“.
Ich habe dazu keine empirischen Untersuchungen. Ich kann nur feststellen, dass heutige Schüler in Neckargemünd – im Großen und Ganzen (d. h. wie immer von Ausnahmen abgesehen) angenehme Zeitgenossen sind. Zwar sind mir die Schüler in den Mitverantwortungsgremien (SMV) insgesamt zu zahm und zu lahm; man kann aber mit ihnen sehr gut kooperieren und ab und zu bereichern die Akteure immer noch durch sinnvolle Aktivitäten das Schulleben.
Die Lehrer am Gymnasium sind aktiv wie eh und je; nicht nur innerhalb des Unterrichts, sondern auch bei vielen interessanten außerunterrichtlichen Veranstaltungen. Ich denke, hier sind wir nach wie vor „spitze“.

Wer geht heute auf’s Gymnasium Neckargemünd?
Die Einzugsbereiche haben sich seit dem Vollausbau des Gymnasiums Bammental leicht geändert. Die meisten Schüler aus dem Elsenztal, sowie aus Gaiberg und Gauangelloch besuchen - wie erwartet und geplant - unsere Nachbarschule in Bammental. Nur noch wenige Schüler aus diesem Bereich gehen auf das Gymnasium Neckargemünd.
Unsere treuesten Schüler kommen wie ehedem aus dem Steinachtal.
Die Sozialstruktur der Schule dürfte sich im Vergleich zu Ihrer Schulzeit nicht wesentlich geändert haben. Unser Ausländeranteil ist gering, die Herkunftsmilieus der Schüler sind relativ homogen. Das hat sicherlich positive Auswirkungen auf das Schulklima.

Die einschneidendste Veränderung der letzten Zeit war – wie Sie sich vorstellen können, die Schulhausbrandkatastrophe und deren Bewältigung. Dazu ist viel gesagt und geschrieben worden. Man könnte aber noch Bücher darüber schreiben. Dies will ich hier nicht tun:

Am 30. Mai 2003 wurde ich als neuer Schulleiter am Gymnasium Neckargemünd mit einem schönen Fest in der Aula in mein Amt eingeführt. Da anschließend die Pfingstferien begannen, fuhr ich mit meiner Familie in Urlaub in die Toscana.
Am Montag hatte ich den ersten Fahrstress verdaut und sonnte mich am Strand. Gleichzeitig lasen die Neckargemünder in der RNZ, dass das Gymnasium einen neuen Schulleiter hat.
Nachmittags um zwei teilte mir meine Tochter ganz lapidar mit: „Du, ich hab da ne Mail; deine Schule brennt!“. Da ich das für einen schlechten Witz hielt, überging ich diese Mitteilung. Leider stellte sich schon zwei, drei Stunden später der vermeintliche Witz als Wahrheit heraus und so musste ich am nächsten Morgen meine Familie zurücklassen und nach Hause fahren. Was ich hier erlebte, erzähle ich Ihnen – wenn Sie wollen – bei Ihrem Treffen am 20. 5. in Neckargemünd.1
Nur so viel: Sie werden Ihre alte Schule nicht mehr wiederfinden!

Bis dann grüßt Sie


Horst Linier
Schulleiter am Gymnasium Neckargemünd.

Neckargemünd, im April 2006



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Karikaturen: Michael Thiele
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